(Rede anlässlich der Mahnwache zur Hitze und Klimapolitik in Bad Kreuznach am 10.7.2026)
Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
liebe Betroffene von Hitze, liebe Mitstreiter:innen für Hitzeschutz und Klimaschutz als Menschenschutz!
Wir stehen heute hier, weil Hitze uns bedroht. Hitzetod zeigt Handlungsnot. Hitze ist eine Gesundheitsgefahr. Klimawandel heizt ein.
Die Lage: Hitze tötet – aktuell, doch nicht nur jetzt
Die Zahlen dieses Sommers sind erschreckend. Das Robert-Koch-Institut meldete 810 Hitzetote von April bis zur Hitzewoche – und 4310 weitere Tote allein in der letzten Juniwoche. Das bedeutet: 5120 hitzebedingte Sterbefälle im ersten Halbjahr, mehr als in fast allen vollen Jahren der letzten Dekade. Und wir haben erst ein halbes 2026.
Das Statistische Bundesamt spricht von 5655 zusätzlichen Sterbefällen in der letzten Juniwoche – eine Übersterblichkeit von 47 % über dem Durchschnitt der letzten 25 Jahre. Sterbefälle gibt es aus verschiedenen Gründen:
Nicht alle sterben in erster Linie an Hitze, aber Hitze wirkt oft wie ein tödlicher Verstärker: Sie verschärft bestehende Erkrankungen, überfordert geschwächte Körper und überrascht manch unbedachte, unbehütete Person. Hut auf – Gut drauf!
Bad Kreuznach ist eine Stadt im Hitzestress
Die Hitzephase begann hier bereits am 17. Juni und dauerte bis 28. Juni. In den ersten zehn Tagen war Bad Kreuznach siebenmal unter den zehn heißesten Städten Deutschlands, fünfmal unter den Top fünf. Das sind Daten des DWD.
Am 26. Juni lagen wir bei 40,7 °C Lufttemperatur – „Bad Kreuznach war die drittheißeste Stadt in Deutschland“. Einen Tag später waren es sogar 41 °C.
Wir fiebern alle nach Rekorden. Aber solche Rekorde brauchen wir nicht. Und auch keine stolzen Superlative auf der Tourismusseite der Stadt: ja, Bad Kreuznach hat Rekorde an Sonnentagen und wenig Regentagen – man feiert den „milden Westen“ auch im Klimawandel, es sei alles immer noch angenehm. Wie lange kann Bad Kreuznach so ignorant eine Kurstadt bleiben?
Mit der Hitze stiegen die Notfalleinsätze. In Hessen nahmen die Todesfälle am heißen Wochenende um 60 % im Vergleich zu den Wochenenden davor zu, in Köln wurden 120 Tote gemeldet. Nicht nur Alte kollabierten. Auch junge Menschen kamen mit Sonnenstich in die Kliniken.
Die Toten mahnen uns, die Hitzephase als Warnung ernst zu nehmen.
Frühere Hitzewarnungen für gefährdete Personengruppen! Mehr Hilfe zur Selbsthilfe! Klimaschutz und Klimaanpassung muss als Gemeinschaftsaufgabe auch in unserer Stadt ernster genommen werden.
Denn: Hitze belastet Rettung, Infrastrukturen und Gesundheit
Erstens: Rettungsdienste und Kliniken. Sie arbeiten am Limit. Hitze ist auch für Helfende ein Notfall. Ihnen gilt unser Dank.
Zweitens: Infrastruktur. ÖPNV, Kühlungssysteme, Stromnetze – alles kommt unter Druck. Wir brauchen widerstandsfähige Strukturen, die auch in Extremwetter funktionieren.
Drittens: Gesundheit. Schon ab 20 °C steigt das Risiko messbar. In der heißen Woche lag die bundesweite Durchschnittstemperatur bei 26,4 °C, mit Tropennächten über 20 °C. Hohe Luftfeuchtigkeit verstärkt die Belastung. Dunkle Fassaden und Asphalt heizen sich um weitere 10–20 °C stärker auf.
Hitze tötet, Schwüle noch mehr. Eine Kombination von bereits 25 Grad Lufttemperatur mit hoher Luftfeuchtigkeit kann sich anfühlen wie über 30 Grad. Es fehlt dann nicht viel und der DWD löst seine Hitzewarnstufe 1 aus. Früher wäre besser.
Schaut nicht nur auf Temperaturen, auch auf die Luftfeuchtigkeit. Spürt dem nach. Wir machen das unter anderem mit Infrarot-Messgeräten für die Boden- und Fassadenoberflächen. Die verschiedenen Messgeräte sind günstig und helfen uns örtliche Belastungen einzuschätzen.
Der Körper stößt schnell an Grenzen: Schwitzen funktioniert nicht mehr, die Kühlung bricht zusammen. Hitzeschlag, Sonnenstich, HerzKreislaufProbleme, Nierenstress – all das nimmt zu. Ozon oder Feinstaub kommen für die Atemwege als toxische Mischung dazu. Längerer Hitzestress tötet manchmal langsam und leise. Oder es bleiben gesundheitliche Spätfolgen und Schwächung.
Wer ist eigentlich gefährdet?:
Hitze betrifft alle, aber nicht alle gleich.
Besonders gefährdet sind:
- Ältere Menschen und Kinder
- Schwangere
- Chronisch und akut Erkrankte
- Menschen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen
- Menschen, die draußen arbeiten oder an Hitzequellen
- Bald auch?: Pflegekräfte und Rettungsdienste im Hitzestress
Ja, Hitze ist auch eine soziale Frage:
Sogenannte vulnerable Gruppen leben meist in vulnerablen, fragilen, prekären Lebensverhältnissen.
- Mit geringem Einkommen, in Arbeitslosigkeit
- In ungedämmten Wohnungen, unterm Dach
- In dicht bebauten Stadtteilen
- In sozialer und ethnisch-kultureller Isolation
- Mit Sprachbarrieren und Orientierungsproblemen
- In Obdachlosigkeit
Hitze trifft also nicht nur Körper – sie trifft gewohnte Lebensformen und Lebensbedingungen. Sie zeigt uns, wie verletzlich manche Lebensverhältnisse sind und dass wir einander brauchen.
Was wir z.B. brauchen – und was wir bereits tun
A. Strukturen verändern
Wir brauchen klimaangepasste, resiliente Städte:
- Gesundheitswesen stärken: Kühle Räume, mehr Personal, flexible Einsatzzeiten. Positiv: Das LotteLemkeHaus der AWO arbeitet bereits mit Hitzeschutzmaßnahmen und unserer HitzeAG zusammen, mit Vorträgen, Gesprächen, einer Befragung.
- Mehr Grün statt Beton: Die DUHHitzechecks 2024 bis 2026 zeigen klar: Bad Kreuznach ist zu stark versiegelt und viele Menschen sind der Hitze ausgesetzt. Von 9 rheinland-pfälzischen Städten schnitt Bad Kreuznach in diesem Jahr am zweitschlechtesten ab. Wir brauchen Entsiegelung, Bäume, Grünflächen, Rankgestelle, Fassaden und Dachbegrünung.
Die Omas for Future hatten bereits vor zwei Jahren in der Einwohnerfragestunde vor einer Stadtratssitzung danach gefragt. Es wurde wiederholt versprochen, mehr davon umzusetzen. Grundlage war auch eine Warnung der Deutschen Versicherungswirtschaft. Seitdem zeigen weitere Studien, dass die Hitzebetroffenheit der Stadtbewohner:innen besonders durch dichte Besiedlungsflächen und wenig Schatten sehr hoch ist und zunimmt.
- SchwammstadtElemente: Zisternen, Mulden, Senken, Waldinseln, Tiny Forests – sie kühlen und speichern Wasser. Mit gutem Boden noch besser. – Auch hierzu gibt es Initiativen der Omas, des Regionalbündnisses Soonwald-Nahe und der Klimagemeinschaft Bad Kreuznach.
- Frischluftschneisen werden in dichter Bebauung oft vernachlässigt. Abendliche Abwinde vom Kuhberg und Lohrer Wald können besser genutzt und gepusht werden.
Vorschläge des Stadtförsters sollten ernst genommen werden.
- Trinkbrunnen und Wasserspender: Vorschläge der AG Mehr Grün in der Stadt liegen vor: z.B. für Bahnhof, Salinenplatz, Neue Altstadt, Kirschsteinanlage.
- Kühle Orte im öffentlichen Raum wie Parks, schattige Baumgruppen schaffen und bekannter machen. Eine Befragung der Hitze-AG ergab Hinweise auf Cool-Spots neben den Hot-Spots. Barrierefreie Zugänge schaffen, ein Anliegen mit dem ZSL. – Denn zurzeit muss man oft lange Wege in der Hitze gehen oder mit Gehhilfen überwinden, um an kühlere Plätze wie Parkanlagen zu gelangen, die zusammen mit dem Salinental auf der Webseite der Stadt empfohlen werden. Ein Stadtklima-Dashboard des Bundesinstituts für Bau-, Stadt und Raumforschung (BBSR) vom Juni 2026 zeigt z.B., dass fast ein Viertel der Flächen in der Stadt mehr als 500 m Wegstrecke von kühleren Grünflächen entfernt ist, diese zu Fuß nur mühsam erreichbar sind.
- Kühle Innenräume öffnen: öffentliche Gebäude, klimatisierte Treffpunkte – eine neue Initiative der Klimagemeinschaft: die PauluskirchenKapelle soll an heißen Tagen geöffnet werden.
- Mobilität neu denken: Weniger Parken in der Innenstadt, mehr kleine Parks. ECarsharing im SchildhoodViertel (bei der Crucenia-Realschule) ist ein guter Impuls. Klimatisierte Busse, ein kostenloser Bus auf den Kuhberg an heißen Tagen. Haltestellen brauchen Schatten und Vernebelungsanlagen, begrünte Bänke oder Mini-Salinen.
Solche Vorschläge machen mit Bürger:innenbeteiligung seit Jahren die AG Mehr Grün in der Stadt, die Omas for Future, die Hitze–AG, die Mobilitäts-AG, alle sind aktiv in der Klimagemeinschaft Bad Kreuznach.
Was wir auch brauchen:
B. Verhalten verändern
Wir brauchen eine HitzeschutzAufklärung, die wirklich ankommt:
- In einfacher Sprache
- In mehreren Sprachen
- HitzeLotsen für besonders gefährdete Menschen
- Orientierungshilfen zu kühlen Orten und Wegen
- Alltagstipps für Hitzephasen
Die HitzeAG bietet bereits Informationen auf der Webseite bad-kreuznach-hitze.
C. Bedarf und Chance: Bürgerinnen und Bürger unterstützen, einbeziehen, aktivieren
Nicht jeder kann alles tun – aber jeder kann etwas tun:
- Entsiegeln, Pflanzen, Regenwasser nutzen.
Beispiel: eine Gruppe der AG Mehr Grün hat Steintröge an der Wilhelmstraße bepflanzt und man kann als Gießpate mitmachen.
- Wer keinen Garten hat und sich an der Straße vor dem Haus nichts traut: Balkonbegrünung oder wenigstens Zimmerpflanzen, Kühlen kann auch schön sein
- Aktuell und akut: KIPKIFördermittel nutzen – sie müssen von der Stadt endlich bekannt gemacht werden: 100.000€ stehen Bürger:innen für Pflanzungen, Begrünungen, Entsiegelungen, Zisternen zur Verfügung. Wir haben Vorschläge für die Förderung erarbeitet. Jetzt muss es losgehen.
Damit sind wir bei …
D. Aufgaben der Stadt
- Einen Hitzeaktionsplan entwickeln. Das sollen nach Beschlüssen von Bund und Ländern eigentlich seit Längerem alle Kommunen machen, bis 2025 wenigstens damit begonnen haben.
- Klimaanpassungsmanager*in einstellen. Im Oktober soll es endlich so weit sein, aber dann darf man die Aufgaben nicht auf ihm oder ihr allein abladen.
- Deshalb: Ressortübergreifende Zusammenarbeit zwischen den Ämtern
- Eine Stadtklimaanalyse zu hitzebetroffenen Flächen, Stadtgebieten und dort lebenden Personengruppen. Und Einiges mehr lässt sich darüber herausfinden.
- Einfach: Klimaspaziergänge mit Bürger*innen – die AG Mehr Grün hat es vorgemacht
- Haben immer mehr Kommunen: Eine Karte der kühlen Orte und Wege, zu Erfrischungsmöglichkeiten und sozialen Diensten. Wir haben seitens der Klimagemeinschaft mit einer eintragbaren Karte für Begrünungsvorschläge und Baumrettungshinweise ein Anfangsbeispiel gezeigt, dass es auch interaktiv im Internet geht.
- Ein Hitzetelefon prüfen, es gibt verschiedene Varianten
- Nachbarschaftspatenschaften aufbauen, mit sozialen Einrichtungen
- Einen Impuls geben Schottergärten zurückzubauen
- Klimaangepasstes Planen und Bauen mit Dämmung, Kühlung, regenerativer Energieversorgung u.a.
- Trinkwasserspender installieren, Schattenbänke aufstellen,
- Eine Begrünungsoffensive für ein grünes, biodiverses Netz, die bisher vereinzelten Baumpflanzungen und begrünten Orte darin einbeziehen
- Die Baumschutzsatzung anwenden – von der Klimagemeinschaft auf den Weg gebracht, jetzt Wirkungen prüfen
- Bei Vielem von dem Genannten: Bürgerbeteiligung stärken und ernster nehmen
- Z.B. einen Runden Tisch Hitzeschutz mit sozialen und rettenden Einrichtungen einrichten. Wir sind bereit mitzumachen und bringen über die Klimagemeinschaft Partner mit wie das ZSL, NABU, Greenpeace, Netzwerk am Turm u.a. Alternativ: Klimaforum der Stadt wiederbeleben, Klimaanpassung zum Klimaschutz hinzunehmen. Wir warten als AG Mehr Grün immer noch auf ein weiteres Austauschgespräch mit der Stadt.
Viele Städte zeigen: Es geht. Und vieles davon funktioniert auch in Dörfern.
Wir handeln – gemeinsam
Wir mahnen nicht nur. Wir klagen nicht nur an. Wir erinnern und motivieren die Stadt, immer wieder, auch wenn unsere Geduld ermattet wie schmelzendes Eis. Wir ermahnen uns selbst und werden aktiv, wir packen an und gestalten. Damit Hitzewellen weniger gefährlich werden. Damit Bad Kreuznach lebenswert bleibt. Damit wir einander schützen – besonders die Schwächsten.
Achtet auf Euch! Vielen Dank.